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Dein Leben mit Nicht-Behinderten - Wie tolerant musst Du sein?

Menschen mit Behinderung werden oft als hilfsbedürftige Opfer behandelt. Das erfordert viel Toleranz, vor allem von ihnen selbst. Wir wollen diese Erfahrungen hören: "Dein Leben mit Nichtbehinderten – Wie tolerant musst Du sein?" – unter diesem Titel sammeln wir Geschichten und Anekdoten von Menschen mit Behinderung. Erzählt uns in Texten, Bildern, Videos oder Posts von Euren Erfahrungen! Wir sammeln alles in unserem Liveblog. Die besten Geschichten senden wir im Rahmen der ARD-Themenwoche "Toleranz – Anders als Du denkst".

    Als Rollstuhlfahrer in den Club? Nicht so easy:

    ARD Themenwoche Toleranz: Wenn der Alltag zur Behinderung wird | BR.de

    Mit Rollstuhl in den Club. Als Blinder Computer-Games zocken. Geht das? Wir machen den Test, treffen drei junge Menschen mit Behinderung und erfahren, wie es sein kann, dass jemand trotz Karriere nie Geld zurücklegen kann.
    [PULS]
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    Vorab gleich der Hinweis: Ich habe bewusst ein Bild von mir hinzugefügt, bei einem Radiosender mit ähnlichem Effekt wie bei meinen blinden Freunden.
    Ich selber bin "nur" sehbehindert. Sehr tolerant bin ich, wenn Kollegen, Freunde, selten auch Verwandte mir als Farbenblinden immer wieder die tollen Farben auf ihrer Kleidung oder in der Natur im Frühling usw. erklären.
    Auch habe ich mich besonders als Lehrer daran gewöhnt, dass es meine Mitmenschen verwundert, warum ich, trotzdem ich eine Brille mit fetten Gläsern auf habe, immer noch so nah an das Papier rangehen muss. Letztens erzählte mir ein Freund aus Torgau, dass ihn der Wirt aus der Kneipe gefragt habe, warum ich denn an der Speisekarte rieche - das fand ich sehr lustig!!!
    Da ich an einem Gymnasium tätig bin, ich war auch schon an anderen Schulen in meinen 28 Dienstjahren, und mein soziales Umfeld auch überwiegend aus recht schlauen oder sehr schlauen Menschen besteht, weiß ich und toleriere auch, dass die Akzeptanz, manchmal auch bitte die Ignoranz von Behinderungen (steht bei uns auch nicht immer im Vordergrund) sehr stark auch vom IQ abhängt, manche Menschen sind damit einfach überfordert, die sind dann aber auch in vielen anderen Bereichen (Beruf, Familie, Beziehung, Geltungsbedürfnis usw.) überfordert.
    Übrigen, tolle Idee vom Bayerischen Rundfunk - danke, weiter so!
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    Seit 14 Jahren bin ich Blind mit Sehrest 1-2 Prozent

    „Mein Leben mit Nichtbehinderten - Wie tolerant bin ich?"

    Aus der Sicht eines “behinderten“ Menschen
    scheint es fast egal zu sein, ob ich als „Behinderter“ Mensch in Bezug zum „Nichtbehinderten“ Menschen tolerant bin…
    …an dieser Stelle stellt sich mir die Frage,
    wieviel von meiner Toleranz wird von „Nichtbehinderten“ überhaupt wahrgenommen?

    Der „Nichtbehinderte“ Mensch braucht die von mir erbrachte Toleranz nicht.
    Er freut sich über Dankbarkeit.
    Auf der einen Seite ist dies auch richtig und schön, wenn mir geholfen wird, bin ich aus vollem Herzen dankbar.
    Auf der anderen Seite: wenn es im Umgang wie oft meist dabei bleibt, ist es bitter.
    Und ... doch: Am besten sind für mich Zeiten, in denen ich Toleranz für mich
    im Umgang mit Nichtbehinderten mit Humor übersetzen kann.
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    Der Betroffenheitsprofi

    Der Betroffenheitsprofi
    kann sehen, denken oder laufen //
    und dir einen alten Socken verkaufen. //
    Der Socke mit all seinen Löchern, sagt er und streicht dir über die Backen. //
    Ist zum Mitgefühl einsacken. //
    Großzügig wie der Profi ist, //
    Schenkt er dir sogar den alten Mist.
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    Wie tolerant ich sein muss? Oh ja, sehr! Toleranz kommt ja bekanntlich vom lateinischen „tolerare“, und das bedeutet so viel wie erdulden, ertragen, erleiden. Und ich muss in der Tat einiges ertragen! Allerdings leide ich weniger an übertriebener oder nicht erwünschter Hilfe, denn man sieht nicht, dass ich schlecht sehe! Von Fremden habe ich daher eher Unverständnis zu befürchten!
    Da schnauzt mich eine Frau aus der nächsten Straße an, was ich ihr denn getan hätte. Sie beschwert sich, dass ich sie nicht mehr grüßen würde, wenn ich als Beifahrerin an ihr vorbeifahre. Ich erkläre, dass ich sie gar nicht erkenne, weil ich schlecht sehe. Sie akzeptiert die Begründung nicht.
    Auf dem Gehweg hat ein Hund sein Geschäft verrichtet und dessen Besitzer es nicht für nötig befunden, den Dreck wegzuräumen. Ich erkenne den Haufen nicht und tapse mitten hinein. Natürlich ärgere ich mich!
    Außerdem sind da die vielen Hürden, die ein selbstständiges und selbstbestimmtes Agieren einschränken oder sogar unmöglich machen. Wie soll ich den Zahnarzt frei wählen, wo es doch nur einen vor Ort gibt? Natürlich könnte ich mit dem öffentlichen Nahverkehr auch in einen anderen Ort fahren, was sich allerdings in den meisten Fällen zu einem Tagesausflug ausweiten würde. Und wenn frau drei Kinder hat, ist das eher ungünstig.
    Apropos Kinder und Nahverkehr: Ohne Begleitung einen Elternabend zu besuchen, ist mir ebenfalls nicht möglich! Zum einen fährt zu der abendlichen Zeit ohnehin kein Bus mehr und zum zweiten entgeht mir alles, was die Lehrer mittels Overheadprojektor oder Whiteboard zeigen und erklären. Ich müsste ständig nachfragen, was den Elternabend in die Länge ziehen würde. Also gehe ich in der Regel gemeinsam mit meinem Mann hin. Wenn wir Glück haben, kann der Opakommen und auf die Enkel aufpassen. Zu ihm gibt es zwar keine Busverbindung, aber er verfügt über ein Auto und das nötige Sehvermögen!
    Dank meiner drei Kinder muss ich schon zuhause sehr, sehr tolerant sein! Sie arrangieren für mich Parcours für unfreiwillige Hürdenläufe. Wie sie das anstellen? Ganz einfach: Schuhe nach der Eingangstür mitten im Weg ausziehen und an Ort und Stelle stehen lassen; Den Schulranzen möglichst zentral im Flur platzieren. Die Hose über dem Laufen verlieren und als nette Stolperfalle liegen lassen; Im eigenen Zimmer die Möbel umstellen, wenn möglich, mitten im Raum verstreut; Das Licht ausschalten, während ich die Treppe rauf- oder runtergehe: Ein Blatt Papier auslegen oder eine leere Klopapierrolle – da rutscht es sich besonders gut drauf aus!
    Man könnte auch sagen, der Nachwuchs geht mit meinem eingeschränkten Sehvermögen ganz natürlich und unbefangen um! Die Jungs lassen sich davon wenig beeindrucken und finden garantiert jeden Vorteil, den die Behinderung ihrer Mutter für sie mit sich bringt. Ob es darum geht, quasi vor meinen Augen unbemerkt Naschwerk aus dem Kühlschrank oder einer Schublade zu stibitzen oder mich zu einer Unterschrift zu bewegen, ohne mir die schlechte Note zu beichten – alles wird ausprobiert. Und wenn ich beim Putzen über herrenlose Schokoladepapierchen stolpere, war es wieder keiner. Ich frag mich nur, wer dieser Keiner wohl sein mag und bei welchem meiner drei Sprösslinge er sich versteckt hält!
    Auch verschwinden regelmäßig Dinge wie Scheren, Messer oder andere Küchenutensilien. Das heißt, sie verschwinden nicht wirklich, sie wandern nur von ihrem angestammten Platz irgendwo anders hin. Sie mit meinem kläglichen Sehvermögen wieder aufzuspüren, ist oft reine Glückssache! Und dummerweise brauch ich sie häufig gerade dann, wenn die Kinder die Schulbank drücken und der Gatte an seinem Arbeitsplatz ist. Ich weiß nicht, wie viel Zeit ich schon mit vergeblichem Suchen verschwendet habe!
    Lesen kann ich schon lange nicht mehr. Je mehr mein Sichtfeld zerriss und zu immer kleineren Sehinseln zusammenschrumpfte, umso schwieriger wurde es. Manchmal erkenne ich jedoch einzelne Buchstaben oder Ziffern. Andere, die von meiner Sehbehinderung wissen, wundern sich dann regelmäßig über mich. Sie fragen nach, ob es wohl besser geworden sei und stellen ihre Unterstützung ein. Sie denken, jetzt müsse ich alles erkennen und lesen können, aber das ist nicht der Fall! Blindheit kann sich jeder gut vorstellen, da muss man nur die Augen zukneifen. Aber eine Seheinschränkung zu begreifen, ist etwas ganz anderes. Denn ich bin ja nicht völlig blind!
    Ich wundere mich sowieso, wie viel ich trotz meines mickrigen Sehrestes von etwa 5 Prozent auf dem sogenannten besseren Auge noch sehe. Oder sollte ich lieber sagen, erahne? Vielleicht ist es ja auch einfach Intuition oder Erfahrung! Schließlich wandern Schultaschen regelmäßig mitten in den Weg, macht die Kühlschranktür ein Geräusch, dem dann ein verdächtig unauffälliges „Trapp Trapp“ in Richtung eines der Kinderzimmer folgt, oder riecht ein Mund nach Schokolade.
    Auch das Nasenbohren gelingt dem holden Nachwuchs nicht immer unbemerkt. Ich triumphiere, wenn ich ein erstauntes „Wieso weißt du das? Du kannst es doch gar nicht sehen?“ höre. Tja, liebe Mitbewohner im Kleinformat, unterschätzt niemals eine sogenannte Behinderte! Auch das heimliche Popeln in der Nase erkenne ich vielleicht nicht direkt – aber die typischen Handbewegungen nehme ich aus dem Augenwinkel durchaus wahr und kann mir dann den Rest zusammenreimen! Ich mag zwar behindert sein, aber ich bin ganz gewiss nicht blöd!
    Ertragen muss ich allerdings die Popel, die außerhalb meiner Reichweite den Weg aus der Nase in die Wohnung gefunden haben. Manchmal kleben sie irgendwann mir an der Hose, weil ich sie nicht gesehen und mich dann daraufgesetzt habe. Auch muss ich es aushalten, dass mir Informationen vorenthalten werden, so nach dem Motto, „das kann sie sowieso nicht lesen, also sag ich es ihr gar nicht!“ Dabei handelt es sich in der Regel um handschriftliche Dokumente wie Schulaufgaben oder ähnliches, die mein Vorlesegerät nicht lesen kann.
    Was zu ertragen mir besonders schwerfällt, ist die Abhängigkeit. Abhängigkeit von anderen, die Dinge für mich tun, die ich gerne selbst tun würde. So hat mein Mann die Verwaltung der Finanzen vollständig übernommen. Das bedeutet, dass ich ihn um Geld bitten muss, wenn ich ein Geschenk für ihn kaufen möchte! Natürlich ist es nicht sein Geld oder Konto, sondern unser gemeinsames. Trotzdem fühlt es sich blöd an! Wobei ich oft gar nicht weiß, was ich ihm überhaupt schenken soll! Ohne ihn bin ich ja praktisch eine Immobilie und komme gar nicht dorthin, wo es Dinge gibt, die ihm Freude bereiten!
    Oder die Abhängigkeit von der Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit anderer. Ich kann ja selbst nicht mehr fahren, muss also oft jemanden darum bitten, Taxi für mich zu spielen. Dann warte ich manchmal vor der Haustür auf die jeweilige Person und sie kommt nicht pünktlich. Ich stehe wie unter Strom, weil ich weiß, dass es allmählich knapp wird. Ich bin dem Helfenden auf Wohl und Wehe ausgeliefert! Wenn er mich vergisst, hat nicht er ein Problem, sondern ich! Und ich wurde tatsächlich schon vergessen! Da musste ich es ertragen, nicht pünktlich zu sein und die Schelte einzustecken, dabei lag es gar nicht an mir!
    Oder ich muss es erdulden, dass etwas als barrierefrei gepriesen wird, aber wieder einmal die Sehbehinderten vergessen wurden! An die denkt kaum jemand! So werden immer mehr Gehsteigkanten abgesenkt, was für Rollstuhlfahrer toll ist. Aber die Ampeln geben nach wie vor keinen Mucks von sich. Sind also die Lichtverhältnisse nicht ausnahmsweise gerade „ampeloptimal“, darf ich rätseln, ob gerade grün ist! Wenn ich Glück habe, kommt ein weiterer Fußgänger, der über die Straße möchte, und ich kann mich an ihm orientieren.
    Auch in der virtuellen Welt stoße ich auf Hindernisse. Zwar verfüge ich über einen Screenreader. Ein Screenreader ist ein Programm, das Bildschirminhalte vorliest, und zwar von Anfang bis Ende. Ganz gleich, welcher Unsinn auf der Seite steht, ob ein Kalender mit Wochentagen und den einzelnen Daten oder eine ausführliche Kopfleiste mit zig Anklickmöglichkeiten, alles rattert der Screenreader unterschiedslos herunter. Da dauert es oft lange, bis ich bei der für mich interessanten Textpassage angelangt bin. Sehbehinderte müssen das ertragen!
    Schließlich ist das noch das geringste Übel! Denn oft sind die Seiten so angelegt, dass der Screenreader sie eben nicht vollständig lesen kann! Wie oft habe ich schon gehört „eingebettetes Objekt“ und das war es dann! Der Text in dem Bilderrahmen bleibt für mich unlesbar!
    Übrigens sind auch die Preisrätsel des Bayerischen Rundfunks für mich und meinen Screenreader nicht zugänglich! Denn den Code, der sich irgendwo gut versteckt hält, hat mein Screenreader noch nie vorgelesen!
    Eine Sache fällt mir doch noch ein, wo ich manchmal Hilfe bekomme, die ich nicht brauche: Wenn ich eine Treppe hinaufgehe, meinen manche, sie müssten mich führen, und packen mich am Arm. Aber Probleme habe ich nicht treppauf, sondern ausschließlich treppab, wo sich alles wie eine Ebene vor mir ausbreitet. Und ganz egal, wie oft ich das schon erklärt habe, beim nächsten Mal werde ich wieder treppab allein gelassen und treppauf ungefragt am Arm gepackt!
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    Ich möchte nicht für meine Blindheit bewundert werden oder bemitleidet. Ich sehe nicht, wenn jemand starrt, aber wenn mein Freund mir das dann sagt frage ich mich immer ob ich im Museum stehe. Ich dachte eigentlich dass gerade Kinder lernen, zu fragen, wenn ihnen was unklar ist, statt dessen starren alle nur oder gehen mir gleich ganz aus dem Weg und das in einer Stadt, in der viele blinde leben. Ich möchte gefragt werden, ob man mir helfen kan, anstatt einfach zu zerren oder "links, rechts" zu sagen wenn ich den Weg genau kenne und weiß, wo da Hindernisse sind. Weise ich die Leute darauf hin, sind sie gleich beleidigt "ich wollte ja nur helfen" mag sein, aber niemand möchte einfach so angefasst werden, auch wir haben Distantszonen die eingehalten werden müssen. Manche reden dann auch überlaut mit mir, so als sei ich zusätzlich noch taub oder blöd.
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    Auch die Kollegen von sueddeutsche.de haben dieses Thema entdeckt: "Wo will der Rollstuhl denn raus?"
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    Als Gehbehinderte mache ich u. a. oft folgende Erfahrung in folgender Situation:

    Ich möchte gerade eine schwere Glastür öffnen, dann kommt ein Mensch von der anderen Seite her und möchte mir die Tür aufhalten. Meistens ist es aber so, dass ich den Türgriff bereits fest in der Hand habe und diesen zu diesem Zeitpunkt auch schon zum Festhalten brauche. Dabei ist mir auch schon passiert, dass ich beinahe gestürzt wäre, weil mir der ungebetene Helfer die Tür aus der Hand gerissen hat - obwohl ich darum gebeten hatte, diese doch bitte loszulassen... Und wenn man dann vor Schreck etwas lauter (jedoch nicht unfreundlich) wird, sind die Leute beleidigt...
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    GESCHICHTEN AUS DEM ALLTAG EINES BLINDEN

    1. Im Griff von zwei frommen Frauen

    Samstagnacht in der U-Bahn-Station Nollendorfplatz. Ich bin auf der untersten Ebene ausgestiegen. Plöttzlich hebt jemand die Spitze meines Blindenstocks hoch und zieht mich hinter sich her. Auf der Rolltreppe dreht sich meine unbekannte Helferin um und fragt mich: "Haben Sie schon einmal etwas von Jesus Christus gehört?"
    "JA" sage ich. "Der hätte mich sicher liebevoller angesprochen."
    Mein schräger Engel lässt den Blindenstock fallen. Er ist in dieser Nacht nicht alleine unterwegs.
    "Wir werden für Sie beten!" ertönt es aus zwei Mündern.
    "Das kann nie schaden", bedanke ich mich und setze - vom frommen Zugriff erlöst - meinen Weg nach oben fort.

    2.Gabel oder Löffel?

    In meiner Nachbarschaft wird eine Kneipe neu eröffnet. Sie lädt zu einem kostenlosen Büffet ein. "Ich habe Lust auf viel Salat", erkläre ich Peter. "Löffel oder Gabel?", fragt er, und meine Antwort ist "eine Gabel".
    "Aber mit einem Löffel kämst Du besser zurecht!", belehrt mich Peter. Stur bestehe ich auf meiner Gabel.
    Meine Finger ertasten einen bis an den Rand gefüllten Teller. Ich mache mich mit meiner Gabel an die Arbeit. Plötzlich spricht ein Fremder vom Nebentisch Peter an: "Mit einem Löffel käme er viel besser zurecht." - "Der Meinung war ich auch", entschuldigt sich Peter. Der Fremde steht auf und nimmt mir meine Gabel aus der Hand. Dann kommt er mit einem Löffel zurück und setzt sein Gespräch mit Peter fort: "Mein Großvater war auch blind. Bei Blinden darf man nicht lange fackeln. Da muss man handeln!"
    Ich löffle meinen Salat und denke an den armen Großvater.

    3. Frühling

    Wenn im Garten die ersten Krokusse blühen oder im Mai die Apfelbäume Blüten treiben, lässt sich meine blinde Mutter zu den Frühlingsboten führen. Zärtlich berührt sie die zarten Knospen und verharrt einen Moment in tiefer Ergriffenheit.
    Seit meinen Kindertagen höre ich das Lied, wie tapfer meine Mutter ihr Schicksal meistert. Jetzt bin auch ich schon seit über 15 Jahren blind. Der Frühling ist für mich eine besonders schmerzhafte Zeit. Alle um mich herum freuen sich über die Rückkehr der Farben. Ich aber werde niemals mehr einen blühenden Kirschbaum oder einen strahlend blauen Sommerhimmel bewundern können.
    Im November lebt es sich wieder leichter, wenn alle das trübe Wintergrau beklagen.

    4.Der ungebetene Helfer

    Ich möchte auf dem U-Bahnhof Möckernbrücke in die untere Linie umsteigen. Auf der Zwischenebene bietet mir ein Mann seine Hilfe an. Seine alkoholfahne schreckt mich ab. Ich lehne dankend ab. Trotzdem heftet er sich an meine Fersen. Auf einer langen Rolltreppe geht es nach unten. Plötzlich schreit er "Jetzt". Vor Schreck mache ich einen Schritt vorwärts und stürze die letzten drei Stufen hinunter. Das hätte übel ausgehen können.
    Mein Helfer lässt sich nicht abschütteln. Meine Schritte werden unsicherer und jede Stufe kann jetzt zum Verhängnis werden. Ich bin erleichtert, als sich endlich die U-Bahn-Tür hinter mir schließt.
    Wie wir Blinden werden auch viele Alkoholiker als Außenseiter wahrgenommen. Wenn dann auch ich noch die angebotene Hilfe ablehne, reagiert mancher hasserfüllt. Oft ist es klüger, ihn als Helfer zu akzeptieren, statt den schwankenden Mann abzuweisen.

    5. Engel und Dämonen

    "Was sucht der Mann mit dem Stock im Boden?", fragt ein Kind seine Mutter. Diese wartet mit der Antwort, bis ich mich entfernt habe. Offenbar ist ihr die Neugierde ihres Kindes peinlich.
    Manchmal antworte ich statt der Mutter: "Ich suche einen vergrabenen Schatz. Kannst Du mir helfen?" Das Kind reagiert belustigt. Meist weiß es nicht so recht, ob es mir glauben soll.
    Kinder haben zu einer Behinderung noch ein unbefangenes Verhältnis. Sie fühlen sich geschmeichelt, wenn sie helfen können. Aber es kann auch ganz anders kommen:
    Ich döse auf einer Wiese vor mich hin. Plötzlich spüre ich, wie sich jemand an meinen Blindenstock heranschleicht. Sicher ist es wieder der achtjährige Achmet. Er hat zuhause wenig zu lachen. Sein Vater ist seit Jahren arbeitslos. Anfangs bin ich Achmets Zurufen treuherzig gefolgt und gegen manche Wand gerannt. Jetzt gelingt es ihm nicht mehr so leicht, mir ein Bein zu stellen.
    Ich lasse einen Schrei los und eine kichernde Kinderhorde entfernt sich.

    6.Der blinde Weise

    Ich bin unterwegs auf der Warschauer Straße. Plötzlich höre ich hinter mir heftiges Geschnatter. Es hört sich fernöstlich an. Dann werde ich links und rechts untergehakt. Mein Blindenstock schwebt in der Luft. Dem Lachen nach zu schließen, macht es meinen Begleiterinnen viel Spaß. Sie kommen aus einer Kultur, die im Blinden den Weisen sieht. Es bringt Glück, für einen Moment seine Wirklichkeit zu teilen. Hundert Meter weiter lassen sie mich wieder allein.
    Der christlich geschulte Blick sieht in mir einen vom Leid Gezeichneten. Nicht Fröhlichkeit, sondern Mitgefühl erscheint als die angemessene Reaktion. Aber vielleicht hat mein Unglück auch noch eine andere, glücksbringende Seite.

    7. "Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes!"

    Er muss mich in der U-Bahn entdeckt haben. Als ich sie an der Endstation verlasse, folgt er mir. Unter freiem Himmel spricht er mich an: "Im Namen Jesus Christus, der die Blinden geheilt und die Lahmen das Gehen gelehrt hat, kann ich Dir Dein Augenlicht wiedergeben!"
    Mein Schweigen deutet er als Zustimmung. Er legt seine Hände auf meine Schultern und beginnt zu beten. Vorbeiratternde S-Bahnen untermalen den Klang seiner lateinischen Fürbitten. Schließlich legt er seine warmen Handflächen auf meine Augenhöhlen.
    "Ich spreche Dich los von Deinen Sünden im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes." Dann schlägt er offenbar ein großes Kreuz über mich. Mir ist inzwischen eingefallen, dass er mich schon einmal geheilt hat. Es geschah vor etwa zwei Jahren und mitten im geschäftigen Treiben auf der Warschauer Straße.
    Ein tiefer Ernst und seine religiöse Inbrunst machen aus ihm einen sympathischen Irren.

    www.leiden-schaft.org
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    Die Aktion finde ich toll Ich bin übrigens hochgradig sehbehindert und lebe in einer eher provinziellen Umgebung.
    Es wurden bereits viele negative Beispiele zum Umgang der Bevölkerung mit Menschen mit Handicaps angeführt, die ich ebenfalls bestätigen kann.
    Meine Erfahrung ist, dass die Bevölkerung in Großstädten toleranter und aufmerksamer z.B. auf jemand mit Blindenstock reagiert, als in der Provinz. Nachdem ich meine Kindheit und Jugend in einer Blinden- und Sehbehindertenschule verbracht habe, also unter blinden und sehbehinderten Menschen und in einer sehr geschützten Umgebung, musste ich nach meiner Ausbildung als junge erwachsene Frau erst lernen, in der "sehenden Welt" zu bestehen. Dabei habe ich u.a. die Erfahrung gemacht, dass auch wir Menschen mit Handicap tolerant gegenüber den "Normalos" sein müssen, weil sie wirklich oft nicht wissen, wie sie mit uns umgehen sollen.
    Allerdings gibt es leider viele, die nicht in der Lage sind, über den Tellerrand hinaus zu schauen. Noch schlimmer finde ich, wenn Eltern durch ihr Verhalten ihren Kindern vermitteln, dass eine Behinderung etwas Schlimmes ist. Ich benutze einen Blindenlangstock und während ich mit "Fiffi" einmal auf den Bus wartete, kam ein kleines Kind in meine Nähe gelaufen. Kurz darauf kam die Mutter und hat das Kind mit den Worten weggezerrt: "Geh weg, die ist blind!" Da war ich echt geschockt. Ebenfalls erschreckend ist für mich - insbesondere als Frau mit einer Sehbehinderung - dass es Menschen gibt, die mir nicht einmal einen Partner ohne Behinderung zugestehen würden. "Er muss ja nicht blind/sehbehindert sein, sondern kann ja eine andere Behinderung haben." Es ist schon blöd genug, dass es in der sehenden Männerwelt sehr oft Vorurteile gegenüber blinden/sehbehinderten Frauen gibt: die kann nicht Auto fahren, kann die überhaupt meine Wäsche waschen, kochen, putzen etc.???
    Was die Toleranz der Medien angeht, würde ich mir wünschen, dass in der Berichterstattung zwischen Blindheit und Sehbehinderung differenziert wird. Die Bedürfnisse sehbehinderter Menschen unterscheiden sich oftmals erheblich von denen blinder Menschen. Es ist ja schön, wenn es an den unterschiedlichsten Orten Beschriftungen in Braille gibt. Was nutzt mir das aber, wenn ich kein Braille lesen kann und optisch alles grau in grau ist? Zusätzlich eine kontrastreiche Gestaltung mit gut lesbarer Schrift und blendfreie Beleuchtung würde sehbehinderten Menschen, die sich zum Großteil noch visuell orientieren können, wesentlich mehr helfen.
    Abschließend bleibt für mich zu hoffen, dass die Aktion Erfolg hat und die Toleranz und das Verständnis untereinander und füreinander wächst.
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    Ich bin blind und erlebe oft folgendes:
    Getätschele

    Du suchst den Eingang zu einem Gebäude, eine Treppe, irgend etwas. Ein lieber Mitmensch zeigt dir das gesuchte und klopft dir dann drei Mal auf die Schulter,
    tätschel, tätschel, tätschel. Du freust dich zwar über die Hilfe, das Getätschele hätte aber nicht sein müssen. Dir wird so signalisiert:
    "Braves Mädchen!
    Schau mal, ich hab Dir dein runter gefallenes Spielzeug aufgehoben, alles ist wieder gut."
    So komme ich mir dann vor. Es ist einfach entwürdigend, dieses
    Angefasse und Getätschele. Ich bin weder ein Hund, noch ein Kleinkind oder eine 96 jährige Oma, die Aufmunterung benötigt, die man aber auch vor dem unnötigen Anfassen fragen sollte. Ich bin eine gestandene Frau
    und übe einen qualifizierten Beruf aus. Ich frage mich immer, was dieses Getätschele und gestreichele soll.
    Am liebsten würde ich zurück tätscheln, fände ich es nicht so entwürdigend und würde ich die Leute erwischen. Ich lebe nach der regula aurea: "Was du nicht willst, das man dir tu', das
    füg' auch keinem anderen zu."
    Und was ist sinnvoll? Fragen, ob man seinen Arm anbieten darf, helfen - und gut.
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    ich habe über den Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbund von dem Aufruf gehört, wobei der bayerische Rundfunkbeispiele sucht, inwieweit Behinderte dem Verhalten seitens nicht behinderter gegenüber Toleranz üben sollen. Sie suchen aber die besten Geschichten. Leider kann ich Ihnen damit nicht dienen, denn diese Geschichten sind meistens nicht gut. Ich möchte auch nicht, dass dieses Thema rein zur Unterhaltung dient, wo es nur um spektakuläre Storys geht. Damit kann ich leider nicht aufwarten.

    Während der Schulzeit hat man mir immer gesagt, dass nicht die Umwelt sich ändern müsse sondern ich. Wenn ich integriert werden möchte, müsse ich mich so oder so verhalten. Mir wurde klargemacht, dass ich die anderen brauche, die anderen aber nicht auf mich warten. Somit bin ich eigentlich im Nachteil und eigentlich diejenige, die den schwarzen Peter hat, und die die Anpassungsleistung vollbringen muss. Mit der Inklusion hat sich dies Gott sei Dank geändert. Ob dies wirklich so ist, wird sich noch herausstellen.

    Ich habe mich häufig darüber geärgert, dass ich wie ein Kind behandelt werde. Ich bin 46 Jahre alt, extrem klein und fast blind. Daher werde ich von Leuten häufig einfach angefasst. Ich werde zur Seite geschubst, ohne mich zu fragen oder darum zu bitten, dass ich beiseite gehe. Ich werde auch mal von älteren Zeitgenossen, die es eilig haben, in die Seite geboxt, wenn ich nicht sofort auf deren Befehl hin ausweiche. Ich werde auch häufig einfach mit Du angesprochen. Meistens wird auch das, was ich sage, nicht ganz für voll genommen, obwohl ich ein Studium mit 1,3 hingelegt habe. Wenn ich mit anderen rede, drehen sie sich mitten im Gespräch um und fangen ein anderes Gespräch mit einem anderen Menschen an. Manche gehen auch einfach aus dem Raum, ohne mir Bescheid zu geben. Das ist ziemlich erniedrigend, wenn man dann mit der Luft spricht. Auch wird häufig meine Begleitperson angesprochen, wenn ich mit ihr in ein Geschäft gehe. Meine Begleitperson sagt mir auch häufig, dass mich Leute gar nicht anschauen sondern nur die Begleitperson. Ich werde auch überhaupt nicht als Frau wahrgenommen. Man nennt mich nur Mädchen oder einmal sogar altes Mütterlein. Das Zwischenstadium einer erwachsenen Frau, die weder ein Kind noch eine Greisin ist, wird bei mir gar nicht gesehen.

    Auch werde ich häufig einfach angefasst und irgendwohin gezogen, ohne mich vorher zu fragen oder zu warnen. Es passiert auch schon mal, wenn mir jemand seine Hilfe anbietet, und ich diese ablehne, dass der andere einfach nicht locker lässt.

    Ich weiß nicht, inwieweit ich hier Toleranz üben soll. Ich kann nicht erwarten, dass der andere meine Gedanken liest. Aber wenn ich deutlich sage, was ich nicht möchte oder möchte, dann sollten diese Grenzen auch sofort respektiert werden. Ich muss immer erst wesentlich lauter werden, damit ich meine Grenzen deutlich machen kann. Dies wird dann aber wieder als zickig, unbotmäßig und über empfindlich angeschaut. Ich glaube, anderen Menschen gegenüber würde man sich nicht so verhalten.

    Auch nervt es mich ungemein, wenn ich einmal einem sehenden erkläre, worin ich Schwierigkeiten habe, und dass für mich manche Dinge mit wesentlich höherem Aufwand verbunden sind, wenn dann immer der Spruch kommt: das geht uns allen so. Ich weiß ganz genau, dass das nicht stimmt, und dass man mich hier nur einfach trösten will. Aber ich möchte nicht für dumm verkauft werden. Ich fände es wesentlich angenehmer, wenn man würdigen würde, dass bestimmte Dinge für mich schwieriger sind, und ich nicht nur einfach nur weniger Frustrationstoleranz habe. Dies ist nämlich nicht so, ich muss mich häufig ziemlich stark durchbeißen. Ich finde, dies wird häufig zu wenig gewürdigt.

    In den Medien werden entweder ganz tolle Blinde oder ganz arme Blinde gezeigt. Die Menschen, die ungefähr in der Mitte sind, die einige Dinge gut können, aber die mit vielen Dingen auch Probleme haben, fallen einfach unter den Tisch. Interessant ist nur, was sensationell ist.

    Ich möchte hier einmal folgende Dinge festhalten, die bitte auch einmal in ihrer Sendung vorkommen sollten:

    1. Bitte erst fragen, bevor man jemanden anfasst.

    2. Wenn man das Gespräch beendet oder sich entfernt, sollte man dem anderen vorher Bescheid geben, insbesondere dann, wenn der das nicht sehen kann.

    3. Man sollte jeden erst einmal mit Sie ansprechen. Erst dann, wenn man sich besser kennt, kann man sich auch duzen.

    4. Wenn ein Blinder mit Begleitperson da ist, sollte der Verkäufer oder Arzt oder wer auch immer trotzdem mit dem Blinden sprechen. Es ist unhöflich, mit jemandem in der dritten Person über eine andere anwesende Person zu sprechen. Dies gilt auch bei Blinden.

    5. Ich bitte auch um etwas mehr Toleranz, wenn ein behinderter oder älterer Mensch an der Kasse etwas länger braucht. Es passiert häufig, dass dann Menschen aufstöhnen oder schimpfen. Niemand weiß, ob er nicht auch einmal in die Situation kommt, wo er für Dinge länger braucht.

    6. Ein Blinder kann genauso auch studiert oder ein bestimmtes Fach gelernt haben und es beherrschen. Daher geht es nicht, einen blinden zu bewundern, das es doch so toll sei, dass er das kann. Vielmehr sollte man mit jemandem einfach auf Augenhöhe über das Fachgebiet normal sprechen. Alles andere ist ein vergiftetes Lob.

    7. Wenn jemand Hilfe ablehnt, muss dies respektiert werden. Andererseits, wenn jemand Hilfe möchte, darf eine andere anwesende Person nicht einfach sagen, der oder die kann das doch alleine. Was jemand kann oder nicht, hat nur die betreffende Person selbst zu entscheiden.

    8. Irgendwelche innigen Berührungen wildfremden gegenüber sind zudringlich. Dies gilt auch für Blinde. Wenn ein Blinder nach dem Weg fragt, darf man ihm nicht einfach kumpelhaft und plump vertraulich den Arm um die Schulter legen, als kenne man ihn schon 20 Jahre. Mir passiert dies häufig, wobei mir Leute dann extrem nahe kommen, die ich überhaupt nicht kenne. Daher ist der normale gebotene Abstand auch bei Blinden zu wahren.

    9. Das Wort „Vorsicht“ ist ziemlich nutzlos. Man muss schon direkt sagen, worauf der Blinde aufpassen soll. Wie soll ich sonst wissen, was mit Vorsicht gemeint ist? Beispielsweise: Achtung, da steht jemand auf der Treppe. Oder: Vorsicht, da kommt ein Gerüst vor ihnen.

    10. Richtungsangaben sollte man mit Worten machen. Mit den Armen zu zeigen hilft einem Blinden nicht.

    11. Wenn man einen Blinden führt, sollte der sich einhängen. Es ist ziemlich gefährlich, einen Blinden einfach vor sich her zu schieben. Der sehende sollte einen halben Schritt vor dem blinden laufen, um schnell anzuhalten, wenn es eine Treppe hinunter geht. Umgekehrt würde sonst der Blinde stolpern, und der sehende, der ihn festhält, könnte ihn nicht halten.

    Dies sind jetzt nur einige Punkte, die mir häufig auffallen oder passieren. Selbst verständlich bedeutet dies nicht, dass blinde Menschen immer intolerant sein und alles immer sofort fordern oder erwarten dürfen. Es bedeutet auch nicht, dass blinde Personen sich so benehmen dürfen, wie sie wollen. Auch wir müssen uns an die Umgangsformen halten. Aber ich glaube, wenn man sich einmal fragt, wie man selbst gerne behandelt werden würde, würden einem manche Dinge automatisch einfallen. Am besten ist es, man behandelt einen Behinderten so wie jeden anderen Erwachsenen auch, wobei man sich darauf verlässt oder ihn dazu ermuntert, zu sagen, wenn er Hilfe braucht. Und man sollte denjenigen selbst denken lassen, er weiß am besten, was er kann oder nicht. Auch dies ist eine Form der Selbstbestimmung und Selbständigkeit.

    Es wäre schön, wenn einige dieser Punkte in ihrer Sendung auftauchen würden.

    Vielen Dank, dass Sie so eine Aktion gestartet haben.
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    ich bin 72 Jahre alt und seit dem fünften Lebensjahr auf Grund einer Handgranatenexplosion erblindet. Im Laufe meines Lebens musste ich nicht selten gegenüber nicht behinderten Menschen tolerant sein. Was mir nicht immer leicht gefallen ist. Hier einige Beispiele:

    Ich suche in Begleitung meiner Ehefrau einen Arzt auf. Dessen erste an meine Frau gerichtete Frage: "Was hat er denn?"

    Dass die Begleitung und nicht der betroffene Blinde angesprochen wird, ist leider häufig der fall.
    Dazu wird unter Blinden folgende humorvolle Anekdote erzählt:
    Ein Blinder steht mit seinem Führhund vor einem Postschalter und will Briefmarken kaufen.
    Frage des Postangestellten:
    "Was will das Herrchen denn?"

    Ich esse in einem Restaurant. Am selben Tisch sitzt eine Dame, die bemerkt, dass ich blind bin.
    Sie erklärt anerkennend: "Dass sie ohne zu sehen ihren Mund finden, ist ja toll!"
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    Zum Umgang mit Sprache haben schon einige etwas geschrieben. Zum Begriff "blind" könnte ich einiges schreiben. Er wird oft synonym mit blöd oder unwissend oder impulsgesteuert verwendet, meist geradezu als Schimpfwort für besondere Dummheit, wie: "Bist du blind!"
    Hier und heute will ich aber nur einmal etwas zum leidigen Begriff "Blindgänger" schreiben: Obwohl es zahlreiche Begriffe für nicht explodierte Weltkriegsbomben gibt, wie Fliegerbombe, Bombe o.ä., wird im Radio im Verkehrsfunk oft davon gesprochen, dass dort und dort ein Blindgänger gefunden wurde, weshalb die und die Straßen gesperrt werden müssen und das und das Viertel evakuiert werden muss. Blindgänger sind also offenbar etwas gefährliches. Wie mag es wohl Leuten gehen, die kurze Zeit später einen Blinden auf der Straße gehen sehen? Überdies bedeutet Blindgänger in diesem Wort eigentlich Versager. Die Bombe war ja gar nicht blind, in dem Sinne, dass sie ihr Ziel verfehlt hätte. Meist liegen diese Bomben ja in der Nähe von Gleisanlagen, die sie treffen sollten. Blind heißt hier, nutzlos, Versager, ähnlich wie im Wort Blinddarm.
    Leider hat die Intendantin des RBB meine Bitte abgelehnt, den Begriff "Blindgänger" in den Verkehrsmeldungen ihrer Sender zu vermeiden und statt dessen die anderen möglichen Wörter dafür zu nutzen, weil ich die Verwendung dieses Begriffes in diesem Zusammenhang als diskriminierend empfinde. Sie ließ mir schreiben, man habe eine Schulung bei leidmedien.de gemacht und wisse nun gut bescheid, was für Behinderte diskriminierend sei und was nicht. Achso, na dann werde ich mal tolerant sein. In Preußen ist eine einmal gefundene Ordnung der Dinge offenbar das Wichtigste. Schön, dass ihr in Bayern noch offene Schubladen habt und nachfragt, vielen Dank für diese Initiative!
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    Wenn ich als Blinder durch die Stadt laufe, ist schon einiges an Toleranz gegenüber Nichtbehinderten gefragt. Desöfteren wird mir etwas hinterher gerufen, wie "links", "grün" bei Ampeln o.ä. Leider sind die Zurufe in mindestens 60% der Fälle falsch oder unsinnig. Bei "links" oder "rechts" ist es am offenkundigsten: Einige verwechseln es schon an sich, selbst wenn sie hinter mir laufen und diesselbe Perspektive haben, wie ich. Kommt mir jemand entgegen, ist unklar, ob er oder sie links von sich aus gesehenmeint, oder schon meine Perspektive mit gedacht hat, ganz mal abgesehen von der Verwechslungsmöglichkeit. Wenn ich etwa einen Bahnsteig entlang gehe, tue ich das gern an der Bahnsteigkante oder am Blindenstreifen in der Nähe der Kante. Das ist am einfachsten und ungefährlichsten für mich. Manche Leute meinen aber, es sei gefährlich und rufen mir dann über den halben Bahnsteig zu "link!", obwohl links das Gleis ist. Bei grünen Ampeln kommt es vor, dass ich stehenbleibe, weil ich am Verkehr auf der Straße, die parallel zu mir läuft, höre, dass meine Ampel bald rot wird, etwa weil die Autos schon beschleunigen, um bei gelb noch rüber zu kommen. Deshalb bleibe ich stehen, bekomme dann aber ins Ohr gebrüllt: "Grün!" Wenn ich dann sage: "Gleich nicht mehr." sagt der andere dann: "Oh ja, tatsächlich, jetzt ist rot." Wäre ich dem "Grün!" gefolgt, wäre ich bei rot mitten auf der Straße. All diese Hilfsangebote sind sicher gut gemeint, ich denke aber öfter für mich, dass ich nur hoffe, dass sie nicht einmal auf einen Blinden treffen, der darauf hört. Ich für meinen Teil reagiere auf diese Zurufe nicht, weil ich zu bequem bin, mir jedesmal Gedanken zu machen, ob sie gerade stimmen oder nicht und was der Rufer wohl meint. Mir ist trotzdem bisher nie etwas passiert.
    Noch etwas, was nervt sind aufgehaltene Türen: Die verkomplizieren für mich das Durchqueren der Tür sehr. Ich weiß nie, wie weit steht die Tür auf, halb schräg, ganz weit, nur ein bisschen und wo steht der Aufhaltende, hinter der Tür, davor, daneben. Das alles raus zu finden, um mich nicht an der Tür zu stoßen oder den Aufhaltenden anzuschubsen, ist für mich konzentrationsaufwändiger, als wenn ich die Tür für mich allein öffne.
    Also Tenor: Nichtbehinderte könnten meine Nerven schonen, wenn Sie das einfach lassen würden. Wenn ich Hilfe brauche, frage ich direkt und gut vernehmlich danach.
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    Hallo, eine solche themenwoche finde ich toll! Vielleicht hilft sie ein wenig nichtbehinderten oder auch andersbehinderten Menschen Informationen an die Hand zu geben, wie ein toleranteres Miteinander möglich sein könnte.
    Ich bin von Geburt an hochgradig sehbehindert und seit ca. 15 Jahren gelte ich als vollblind. Ich laufe im öffentlichen Raum mit weißem Langstock durch die Welt und nutze ihn somit als eine Möglichkeit der Orientierung. Ich bin selbstständiges und selbstbestimmtes leben gewohnt, schlage deswegen aber Hilfe, die mir angeboten wird nicht grundsätzlich aus! Ich nehme auch Hilfe an, obwohl ich sie vielleicht im Moment gar nicht benötige. Ich selber mache mir häufig das Leben damit leichter und dem Anderen gibt es ein gutes Gefühl und er wird mit Sicherheit auch nach mir noch bei anderen Menschen gewillt sein seine Hilfe anzubieten. "Anbieten" ist hier das Zauberwort! jeder sehende Mensch nimmt mit einem Anderen Kontakt auf bevor er ihn anfasst. Es muß unter sehenden nicht das gesprochene wort sein was dazu ausreicht um sich zu verständigen. Es reicht häufig der Blickkontakt. Dieser fällt bei uns Blinden oder Sehbehinderten aber weg. Das gibt aber niemanden das Recht deswegen uneingeschränkt Körperkontakt aufzunehmen. Auch bei uns gibt es eine Individualdistanz wie bei jedem anderen auch! Ich möchte durchaus die Wahl haben ob ich mich von meinem Gegenüber anfassen lasse oder nicht.
    Mir passierte vor einigen Jahren folgendes:
    Ich stand an einer Kreuzung und wartete darauf, das die Ampel grün für mich wurde. Ich bekam mit, das neben mir noch jemand stand und wartete. Es wäre also genügend Gelegenheit gewesen mich anzusprechen. Die Ampel wurde grün und ich ging los. Plötzlich hatte ich in meiner freien Hand eine andere Hand! Ich ließ es erst einmal geschehen, denn mitten auf einer befahrenen Straße eine Diskussion anzufangen wäre völlig falsch gewesen. Ich stellte die Person, es war eine Frau, auf der anderen Straßenseite zur Rede und sagte ihr, das sie mich vielleicht vor dieser Aktion hätte ansprechen sollen. Ich würde üblicherweise nicht mit jedem Menschen und schon gar nicht mit Fremden Personen händchenhaltend über die Straße laufen. Sie verstand leider nicht was ich ihr sagen wollte! Nicht, das sie dem Deutschen nicht mächtig gewesen wäre, war sie, sie hat es nicht mit einem Übergriff in meine Intimsphäre in Zusammenhang gebracht sondern mit Sauberkeit! Sie hätte doch handschuhe an und ich würde doch nicht krank von ihr. Mein Erklärungsversuch, das das ja gar nicht mein Problem sei verstand sie überhaupt nicht. Bei so vielRespektlosigkeit wurde meine toleranz auf eine harte Probe gestellt und ich konnte sie auch nicht wirklich immer behalten! Diese Dame wird evtl so schnell keinem mehr helfen, was aber sicherlich auch kein großer Verlust ist.
    Ich mag mich nicht einfach anfassen lassen! Ich erschrecke davon und fühle mich auch unwohl dabei. Wir haben zum glück meist die Möglichkeit zu sprechen und mir damit anzuzeigen ich bin da und ich biete Dir Hilfe an. Mich wortlos irgentwohin zu zerren, wo ich vielleicht noch nicht einmal hin will ist völlig distanzlos! so geht man nicht mit einem anderen Menschen um! Ich bin blind und nicht blöd. Ich kann sprechen und meine Meinung äußern. Ich kann sogar hören was man mir sagt und darauf reagieren! Ich bin "nur" blind!
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    Das Ganze ist ein Geben und ein Nehmen.
    Nicht nur sich helfen lassen!
    Das Gegenüber hilft gerne. Aus Höflichkeit oder dem Bedürfnis etwas Gutes getan zu haben und und und. Unbewusst schwelt jedoch beim Gegenüber eine Leistungseinforderung des Behinderten wegen Abhängigkeit mit - ist aber falsch verstanden und manchenfalls nicht notwendig.
    Sondern auch helfen, mitgestalten!
    Dies verschafft Respekt, Anerkennung - ja oft Bewunderung, neben der Erkenntnis, dass es durchaus einen Gewinn darstellen kann, einen Behinderten als Kollegen oder gar guten Bekannten (Freund) zu haben.
    Hilfe annehmen, wo es notwendig ist - selbständig agieren wo es möglich ist.
    Arroganz, Hochnäsigkeit und Schmarotzverhalten signalisieren Ablehnung und Abwertung (die wollen ja nur! - aber vor allem nichts tun).
    Ein freundliches aufeinander zugehen, eine harmonische Unterhaltung und eine der Fertigkeiten entsprechenden Mitwirkung erzeugt Zustimmung und Anerkennung.
    Wenn das Gegenüber über Behinderungen (Einschränkungen) und Fertigketen des Behinderten bescheid wissen, stellt sich der Umgang vorurteilsloser und schlussfolgig unproblematischer dar - also Gegenüber i n f o r m i e r e n! Nichtbehinderte haben oft Angst, dass sie etwas falsch machen können.
    Sprichwörter wie z. B. wie man in den Wald hineinruft, schallt (schreit) es auch wieder heraus, haben hier volle Geltung. Wenn das Gegenüber sieht, dass man eine Person ist, die ihr Leben zu meistern versteht und auch etwas zu bieten hat, wird man auch als eine solche behandelt.
    Um die Frage der Toleranz direkt zu beantworten gilt - wie grundsätzlich: Wie es die entsprechende Situation erfordert - ausgeglichen, aufeinander zugehend, Ängste abbauen….
    Übrigens: Inklusion ist keine Einbahnstraße - auch Behinderte sind gefordert zu geben und nicht nur nehmen zu wollen (wie ich persönlich es bedauerlicherweise oft erlebe).
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    ... da fällt mir noch etwas zum Beitrag von Herrn Alexander Grundler ein, der sich auf die Sprache der Journalisten bzw. in den Medien bezieht:

    Ein wirklich ganz "übles" Beispiel hierfür ist die immer wieder getroffene Feststellung, dass der betreffende Mensch an den Rollstuhl "gefesselt" ist - man stelle sich das mal bildlich vor!!!... Nein, derjenige, der nicht gehen kann, benutzt einfach einen Rollstuhl, eben wie einen Gebrauchs-gegenstand - nicht mehr und nicht weniger.
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    Ich bin selber gehbehindert, und immer wieder mal kommt es zu folgender Situation:

    Irgend jemand fragt mich, ob er mir bei irgend etwas helfen kann, und wenn ich dann freundlich sage: "Nein, vielen Dank, ich komme allein zurecht", dann reagieren manche Leute wirklich schon fast beleidigt.
    Es muss doch aber möglich sein, dass ich eine angebotene Hilfe höflich und freundlich ablehne, ohne dass die betreffende Person gleich eingeschnappt ist.
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    Vor einiger Zeit saß ich in der Bahn und es spielte sich folgender Dialog ab:

    Bekannte kommt in die Bahn sieht
    mich:Hallo

    Ich: Hallo
    Sie: wo wollen Sie denn hin?
    Ich: nach Hause
    Sie:aber da sitzen Sie doch in der falschen Bahn, ins Wohnheim gehts doch in die andere Richtung
    Ich: ich wohne aber in X
    Sie:Ach Gott,da habe ich Sie schon in die falsche Bahn gesetzt
    Ich: ja und ich wohne selbstständig
    Frau entschuldigt sich, peinlich....peinlich.
    Aber Sie:
    Ich muss das noch lernen

    Wir verstehen uns heute bestens. Für mich war es keine Beleidigung, sondern ist für mich ein Indiz gewesen, dass man in die Öffentlichkeit Mus, den Dialog suchen und aufzufallen.....

    Es ist nicht immer easy mit den

    nichtbehinderten Mitmenschen ;)
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    İch hasse das wort "behindert"!!!! Das sind nur menschen mit besonderen bedürfnissen!
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