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Ich, Eisner! - Ask me anything

Das Projekt "Ich, Eisner!" ist zu Ende - vier Monate haben wir die Geschichte von Kurt Eisner in Echtzeit erzählt. Hier hatten die Nutzer die Gelegenheit, dem Autoren-Team von "Ich, Eisner!" und dem Kurt-Eisner-Biograf Dr. Bernhard Grau Fragen stellen.

    Liebe NutzerInnen und Nutzer,
     
    Das Projekt "Ich, Eisner!" ist zu Ende - vier Monate haben wir die Geschichte von Kurt Eisner in Echtzeit erzählt. Hier hatten die Nutzer die Gelegenheit, dem Autoren-Team von "Ich, Eisner!" und dem Kurt-Eisner-Biograf Dr. Bernhard Grau Fragen stellen.
     
    Hier im Chat haben wir Euch auch viele interessante Fragen und Antworten aus der WhatsApp-Community zugänglich gemacht.
    von Eva Deinert (BR) bearbeitet von Benedikt Angermeier (BR) 2/26/2019 3:22:23 PM
    Frage: Deine Aussage vom 02.2.1919 ..."aber jeder Mensch hat auch das Recht auf Kaffee" so gefallen oder frei nachformuliert?
    Antwort Autoren-Team: ​Das ist ein Orginalzitat. Besser gesagt ein überliefertes Zitat des Augenzeugen Robert Michels, Soziologieprofessor und Politikwissenschaftler, der Kurt Eisner in Bern auf die Sozialistenkonferenz begleitet hat. Nachzulesen in Schmolze, Gerhard: "Revolution und Räterepublik in München 1918/19 in Augenzeugenberichten". Karl Rauch Verlag. 1969, S. 206-207.
    Frage: Das Konzept einer Räterepublik steht im Spannungsverhältnis zwischen direktdemokratischer Institution und kommunistischer Rätediktatur. Mich interessiert welche Rolle Kurt Eisner den Räten zugemessen hat und in welcher Ausprägung sie seiner Ansicht nach handeln sollten.

    Antwort Dr. Bernhard Grau: Kurt Eisner hat sich die Rolle der Räte als "Schulen der Demokratie" vorgestellt. Heute würde man von basisdemokratischen Gremien sprechen. Er hat sich erhofft, dass die Auffassung der Bevölkerung unverfälscht zum Ausdruck kommen und politische Talente sich entwickeln können.
    Frage: Mich würde die Geschichte seiner Frau interessieren. Wie war sie versorgt? Ist sie politisch in Erscheinung getreten? Gibt es Nachfahren von Eisner?
    Antwort Autoren-Team: Kurt Eisner hatte sieben Kinder - fünf mit seiner ersten Frau Elisabeth, genannt Lisbeth, zwei Töchter mit seiner zweiten Frau Else. Ilse, seine älteste Tochter aus erster Ehe und Hans Kurt, sein jüngstes Kind aus erster Ehe, lebten bei ihm und seiner zweiten Frau Else in München. Die anderen drei  (Reinhard, der älteste, Hilde und Eva) bei seiner ersten Frau. Seine älteste Tochter Ilse hat Hans Unterleitner, Kurt Eisners USPD-Genosse und der Minister für soziale Fürsorge in seiner Regierung, geheiratet. Während der NS-Zeit waren die Kinder Eisners doppelt verfolgt - der Vater, ein Sozialisit und Jude. Bis auf Sohn Hans (starb im KZ) haben alle Kinder die Verfolgung überlebt, zT in Berlin, England und USA. Kurt Eisner hat sehr, sehr viele Enkel und Urenkel, die u.a. in Nürnberg, Berlin, England und den USA leben. Durch "Ich, Eisner!" hat sich Kurt Eisners Urenkelin Sonja Ripa bei uns, dem Autoren-Team gemeldet. Wir haben sie und ihre Mutter und Eisners Enkelin Gerda Grassmann in Nürnberg getroffen. Sie haben uns erzählt, wie es der Familie nach dem Tod Kurt Eisners und während der NS-Zeit ergangen ist. Hier der Radiobeitrag: https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/notizbuch/enkelin-und-urenkelin-kurt-eisners-erinnern-sich-100.html
    Frage: Woher kam eigentlich die breite Ablehnung Eisners in der Bevölkerung? Angst vor Kommunisten, Ablehnung von Juden??
    Antwort Dr. Bernhard Grau: Die öffentliche Meinung war schon seit Ende der Räterepublik von Verdächtigungen und pauschalen Vorwürfen geprägt, die das Bild Eisners bis heute bestimmen, obwohl sie die historische Forschung längst korrigiert hat, z.B. der Vorwurf, Eisner sei Bolschewist gewesen. Antisemitische Einstellungen haben sich ebenfalls lange gehalten.
    Frage: Wie formuliert ihr den Inhalt von Eisners Posts so, dass sie nicht zu fiktiv werden?
    Antwort Autoren-Team: Wir haben uns eng an Protokolle, Augenzeugenberichte und Kurt Eisners eigene Aufzeichnungen gehalten. Dabei haben wir immer Ausschau nach kleinen Randanekdoten gehalten, die neben der politischen Arbeit auch Einblick in den Alltag geben. Zum Beispiel wie die Hofdame Kurt Eisner gebeten hat, Unterwäsche für den geflohenen König zu holen oder wie Kurt Eisner in Bern in der Lobby des Hotels nach deutschen Zeitungen gesucht hat. Die Texte an sich sind Fiktion und ein Produkt unserer Recherche.
    Frage: Was war Ihre Motivation für dieses Projekt?
    Antwort Autoren-Team: Am Anfang stand die Idee, Storytelling im Messenger auszuprobieren. Die Kommunikation verlagert sich immer mehr nach WhatsApp und Co. Wir wollten schauen, ob man dort auch Geschichten erzählen kann. Das Thema 100 Jahre Revolution in Bayern hat sich gut angeboten. Als Autorenteam haben wir dann überlegt, wie beides für die Nutzer gut funktioniert. Wir haben mehrere Erzählvarianten durchgespielt und es hat sich gezeigt: Die Ansprache kann nur eine sehr persönliche sein, wenn man sich im Messenger bewegt. Daher fiel die Entscheidung, Kurt Eisner selbst erzählen zu lassen. 
    Frage: Welche Vorbilder hat es für dieses Format gegeben?
    Antwort Autoren-Team: Es gab immer wieder Ansätze, historische Themen auf Twitter oder Facebook in sogenannten Tweet-Histories zu erzählen. Auch auf WhatsApp gab es in den letzten Jahren immer wieder einmal Versuche, Geschichte nachvollziehbar zu machen, beispielsweise bei der Heilbronner Stimme zum 70. Jahrestag der Bombardierung Heilbronns. Nahezu alle Projekte waren sehr stark chronistisch angelegt und funktionierten im Stile eines Live-Tickers zu den Ereignissen. Wir wollten bei "Ich, Eisner!" aber vor allem direkt aus einer historischen Figur heraus erzählen und mit unseren Nutzer*innen in einen direkten Austausch gehen. 
    Frage: Wie viel Tagebuch- einträge waren authentisch, und wie viel wurde für die Geschichts App aufbereitet? Wie viele Teilnehmer gab es bei der GeschichtsWhatsapp?
    Antwort Autoren-Team: Wir haben uns eng an Protokolle, Augenzeugenberichte und Kurt Eisners eigene Aufzeichnungen gehalten. Dabei haben wir immer Ausschau nach kleinen Randanekdoten gehalten, die neben der politischen Arbeit auch Einblick in den Alltag geben. Zum Beispiel wie die Hofdame Kurt Eisner gebeten hat, Unterwäsche für den geflohenen König zu holen oder wie Kurt Eisner in Bern in der Lobby des Hotels nach deutschen Zeitungen gesucht hat. Die Texte an sich sind Fiktion und ein Produkt unserer Recherche. Immer dann, wenn Kurt Eisner eine Sprachnachricht geschickt hat, handelte es sich um ein Originalzitat. Insgesamt haben 15.000 Leute unsere Nachrichten empfangen, was viel mehr war als erwartet.
    Frage: 
    Hallo,wie stellt sich denn die aktuelle Quellenlage zu Anton Arco auf Valley dar, wann gab es zuletzt Neues zu Anton Arco und könnte sich da möglicherweise noch was ergeben?Diese Frage geht wohl am ehesten an Herr Grau.Die Inhalte aus der Monographie kenne ich bereits.

    -Jonas
    Antwort Dr. Bernhard Grau: Zum Arco-Prozess ist eine Dissertation in Vorbereitung. Der Zeitung war zu entnehmen, dass ein Autoren-Duo zurzeit an einer Biografie arbeitet. Wichtige Quellen liegen im Staatsarchiv München, u.a. der Prozessakt. Hier unsere umfangreiche Literaturliste: https://www.br.de/extra/webspecials/kurt-eisner-whatsapp-literatur-100.html
    Frage: Wie hätte Bayern Raterepublik bleiben können?
    Antwort Dr. Bernhard Grau: Der Fortbestand der Münchner Räterepublik war angesichts der Machtverhältnisse kaum vorstellbar. Es musste eine Entscheidung fallen, nachdem es eine Räteregierung und eine vom Landtag eingesetzte Staatsregierung gab. München war nach kürzester Zeit isoliert. Hier auch ein Podcast-Tipp, der die Zeit von Eisner und danach gut erzählt: https://www.br.de/mediathek/podcast/radiowissen/die-muenchner-raeterepublik-als-bayern-sozialistisch-wurde/32231
    Frage: Mich würde sehr interessieren, wie dieses ganze Projekt organisiert wurde. Es scheint enorm viel Aufwand gewesen zu sein, der sich aber eindeutig gelohnt hat.
    Antwort Autoren-Team: "Ich, Eisner!" ist ein Projekt von Bayern 2 zusammen mit dem BR-Referat "Digitale Entwicklungen". Wir  haben vor einem Jahr mit Recherche und Bücherwälzen begonnen, letzten Sommer die Kooperationspartner (Bayerische Staatsbibliothek, Haus der Bayerischen Geschichte und Co.) ins Boot geholt. Das Material haben wir selbst recherchiert. Wir waren 3 AutorInnen, zwei davon fast Vollzeit nur an diesem Projekt mit Schreiben, Bildrecherche und Community Management, der dritte vor allem mit den Sprachaufnahmen beschäftigt. Ein Kollege für die Bildbearbeitung, ein Video Editor, eine Kollegin für Webseite, ein Redakteur für die Abnahme. Technisch umgesetzt (Nachrichten-Versand, Chatbot, Usernachrichten-Verwaltung) haben wir das Ganze über den Dienstleister "MessengerPeople".
    Frage: 
    Wie zeit- und betreuungsintensiv war das Projekt? Wie viele Personen waren mit welchem Zeitumfabg beteiligt? Danke.

    -Kathrin
    Antwort Autoren-Team: Wir waren 3 AutorInnen, zwei davon fast Vollzeit nur an diesem Projekt mit Schreiben, Bildrecherche und Community Management, der dritte vor allem mit den Sprachaufnahmen beschäftigt. Ein Kollege für die Bildbearbeitung, ein Video Editor, eine Kollegin für Webseite, ein Redakteur für die Abnahme. Technisch umgesetzt (Nachrichten-Versand, Chatbot, Usernachrichten-Verwaltung) haben wir das Ganze über den Dienstleister "MessengerPeople".
    Frage: Das wichtigste wäre für mich wie's weiter geht. Die Bayrische Geschichte endet ja nicht mit Kurt.
    Antwort Autoren-Team: Ja, das stimmt, die Geschichte geht turbulent weiter. Hier ein Podcast-Tipp, der die Zeit von Eisner und auch danach gut nacherzählt: https://www.br.de/mediathek/podcast/radiowissen/die Zeit die-muenchner-raeterepublik-als-bayern-sozialistisch-wurde/32231
    Frage: Ich hätte eine Frage: wie viele haben den Whats app Kanal abonniert? Wie viele Fragen oder Nachrichten gehen bei Euch täglich ein? Wie viele Menschen seit ihr um diese zu beantworten? Wurden euch auch Bilder geschickt?
    Antwort Autoren-Team: ​Insgesamt haben sich 15.000 Leute angemeldet - mehr als wir erwartet haben. Uns erreichten zwischen 30 und 300 Nachichten am Tag direkt im Autoren-Team, je nach "Ereignislage". Wir waren 3 AutorInnen, zwei davon fast Vollzeit nur an diesem Projekt mit Schreiben, Bildrecherche und Community Management, der dritte vor allem mit den Sprachaufnahmen beschäftigt. Ein Kollege für die Bildbearbeitung, ein Video Editor, eine Kollegin für Webseite, ein Redakteur für die Abnahme. Technisch umgesetzt (Nachrichten-Versand, Chatbot, Usernachrichten-Verwaltung) haben wir das Ganze über den Dienstleister "MessengerPeople".
    Frage:
    Vielen Dank für das interessante Format Geschichte zu vermitteln. Wie viele Abonnenten haben insgesamt an diesem Experiment teilgenommen?

    -Uwe
    Antwort Autoren-Team: Danke für das Lob! Insgesamt haben 15.000 Leute unsere Nachrichten empfangen, was viel mehr war als erwartet.
    Frage: War Eisner Politiker oder Dichter?
    Antwort Dr. Bernhard Grau: Eisner hatte kulturelle Interessen, war vom Beruf aber politischer Journalist und verstand sich selbst vor allem als politisch handelnde Persönlichkeit.
    Frage: Gibt es Hinweise, Erkenntnisse und/oder Einschätzungen aus Eisners Biographie, warum er diese Aufgabe auf sich genommen hat? Warum sind die Münchner den Weg eines Arbeiter-, Soldaten- und Bauernrats gegangen
    Antwort Dr. Bernhard Grau: Eisner hat schon seit 1915 für eine Beendigung des Krieges gekämpft und war ein Verfechter der demokratischen Republik. Im November 1918 sah er die Chance diese Ziele zu erreichen. Die Räte sind in der Revolutionsnacht gebildet worden, Vorbild waren sicherlich die Sowjets in Moskau. Die Räte sollten den Herrschaftswandel absichern bis eine demokratisch gewählte Regierung bestellt sein würde.
    Frage: Was schätzen Sie , waren die Hauptfehler der damals politisch Verantwortlichen, insbesondere auch von Eisner, dass dieser erste Versuch einer Demokratisierung   nach dem 1. WK  letztendlich so schief gegangen ist ?
    Was wäre  ein wichtige Lehre daraus ?
    Immerhin gab es beim 2.Versuch mächtigen Druck von außen 😉.
    Antwort Dr. Bernhard Grau: Von "Fehlern" sollte man vielleicht nicht sprechen. Allerdings waren nicht alle Vorhaben Eisners mehrheitsfähig. Viel Unverständnis erntete Eisner vor allem mit dem Eingeständnis, das Deutsche Reich sei schuld am Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Dies führte auch zu der Pogromstimmung, die den Hintergrund für den Eisner-Mord abgab.
    Frage: So. Es ist geschehen. Ruhe er in Frieden. Liebes "Kurt-Eisner"-Team, wisst Ihr was vom Kurt-Eisner-Lied?
    Antwort Autoren-Team: Das Kurt-Eisner-Lied stammt von Otto Vollgold aus München und wurde auf die Melodie von "Strömt herbei, ihr Völkerscharen" getextet und gesungen. Der Autor hat es direkt nach Kurt Eisners Tod verfasst, es wurde als Flugblatt zu 20 Pfennig in München verkauft. 
    Frage: Wie wird die Rolle Kurt Eisners heute von der Bayr Landesregierung bewertet?
    Antwort Dr. Bernhard Grau: 2017 hat die Bayerische Staatsregierung eine Landtagsanfrage nach der Bedeutung Eisners sehr differenziert beantwortet und seine humanitäre und pazifistische Auffassung ausdrücklich gewürdigt. Beim Staatsakt am 7. November 2018 wurde Eisner aber nicht erwähnt. 
    Frage: Welches politische Programm hatte Kurt Eisner in Fragen der Wirtschaftspolitik?
    Antwort Dr. Bernhard Grau: Eisner verfolgte keine klare Wirtschaftspolitik. Sozialisierungen hat er in der Situation nach Kriegsende abgelehnt. 
    Frage: Waren die Hürden, die linken Kräfte zu bündeln, so groß wie heute?
    Antwort Dr. Bernhard Grau: Möglicherweise waren damals die Hürden sogar größer, weil die Kommunisten auf eine Räteherrschaft hinarbeiteten, die mit den von der Regierung Eisner angesetzten Wahlen zum Landtag nicht vereinbar war. 
    Da sich diese Frage gerade öfter wiederholt, haben wir die Antwort oben angepinnt. 
     
    Frage: 
    Können Sie mir erklären, warum die bayerische Staatsregierung so gut wie keine Notiz von Kurt Eisner nimmt? Umso bemerkenswerter ist die Tatsache, dass der Bayerische Rundfunk dieses sehr würdige und sensible Projekt durchgeführt hat.

    -EMF
    Antwort Dr. Bernhard Grau: Die öffentliche Meinung war schon seit Ende der Räterepublik von Verdächtigungen und pauschalen Vorwürfen geprägt, die das Bild Eisners bis heute bestimmen. 2017 hat die Bayerische Staatsregierung eine Landtagsanfrage nach der Bedeutung Eisners sehr differenziert beantwortet und seine humanitäre und pazifistische Auffassung ausdrücklich gewürdigt. Beim Staatsakt am 7. November 2018 wurde Eisner aber nicht erwähnt.
    Frage: Wie interpretierte Eisner die Idee des Sozialismus und wie stand er zu den Theorien Marx‘, aber auch denen zeitgenössischer Sozialisten wie Luxemburg?
    Antwort Dr. Bernhard Grau: Eisner war Sozialdemokrat und stand für ein Sozialismus, der Marx und Immanuel Kant zu vereinbaren suchte. Damit war er in der SPD Außenseiter. Rosa Luxemburg hat Eisner durchaus geschätzt, mit ihrer Rolle in den Januarkämpfen in Berlin 1919 war Eisner aber nicht einverstanden.
    Frage: Wie stand eisner zu dem Verhältnis zwischen freikorps und spd?
    Antwort Dr. Bernhard Grau: Die sozialdemokratische Regierung in Bamberg war auf die Freikorps angewiesen, um die Räterepublik niederzuschlagen. Eisner war immer gegen die Bildung einer "Volkswehr", weil er befürchtete, dass sich die falschen Freiwilligen melden würden.
    Frage: Welchen Einfluss hatte die katholische Kirche auf die negative Meinung über Kurt Eisner?
    Antwort Dr. Bernhard Grau: Die katholische Kirche repräsentiert vor allem durch Kardinal Faulhaber hat die Revolution komplett abgelehnt. Vertreten wurden kirchliche Anliegen durch die Bayerische Volkspartei, die damit auch ihren Wahlkampf bestritt und massiv gegen die Kirchenpolitik der Regierung Eisner Front machte. 
    Frage: Eisner wird ja als Sozialist bezeichnet. Wie war sein Verhältnis zu den Kommunist*innen und Anarchist*innen dieser Zeit? Laut seinen Nachrichten gab es da ja öfters mal Streit.
    Antwort Dr. Bernhard Grau: Eisner wurde von den Kommunisten im Januar 1919 massiv unter Druck gesetzt. Bei Straßendemonstrationen kam es sogar zu Toten und Verwundeten. Die Regierung Eisner sah sich daher gezwungen führende Kommunisten zu inhaftieren. Durch Belagerung des Außenministeriums erzwangen linke Aktivisten sofort wieder deren Freilassung.
    Frage: Guten Abend liebe Redaktion, was hatte Eisner für Hobbys, hat er Sport getrieben?
    Antwort Dr. Bernhard Grau: "No Sports" - Eisner war begeisterter Musiker. 
    Frage: Wie würde Bayern/ Deutschland heute regiert werden, wenn Eisner sich durchgesetzt hätte? Warum haben so wenige Eisners Potential erkannt?
    Antwort Dr. Bernhard Grau: Das ist schwer zu beantworten, da in der von Regierung Eisner begründeten parlamentarischen Demokratie die Mehrheitsverhältnisse über den politischen Kurs entscheiden.
    Frage: Liebes Team, lieber Dr Grau, welche Rolle hat eisners Familie gespielt, haben Sie sein politisches Engagement unterstützt, waten sie vielleicht selbst involviert, was haben sie mach seiner Ermordung gemacht? Vielen Dank auch für das tolle Projekt Sabine Böhm
    Antwort Dr. Bernhard Grau: Eisners zweite Frau Else Belli hat Eisners Politik trotz der Sorge um sein Leben uneingeschränkt unterstützt. Die Kinder, die in Großhadern aufwuchsen, waren phasenweise bei Bekannten wie Gustav Landauer untergebracht. Else Eisner ist später nach Gengenbach, Baden-Württemberg, umgezogen und musste im Dritten Reich das Land verlassen (nach England). Einige Kinder wurden von den Nationalsozialisten verfolgt. Der Sohn Hans Kurt aus erster Ehe ist im KZ ermordet worden. Durch "Ich, Eisner!" hat sich Kurt Eisners Urenkelin Sonja Ripa bei uns, dem Autoren-Team gemeldet. Wir haben sie und ihre Mutter und Eisners Enkelin Gerda Grassmann in Nürnberg getroffen. Davon erzählen wir in diesem Radio-Beitrag: https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/notizbuch/enkelin-und-urenkelin-kurt-eisners-erinnern-sich-100.html 
    Frage: Wie steht Hr. Dr. Grau zur Ich-Perspektive des Projekts und den daraus folgenden Interpretation? Ich persönlich sehe das eher kritisch, einer solch umstrittenen Persönlichkeit posthum Worte in den Mund zu legen...
    Antwort Dr. Bernhard Grau: Die Ich-Perspektive ist eine interessante Möglichkeit, sich der Revolution einmal auf anderen Weg zu nähern und Menschen dafür zu interessieren, die mit Geschichte nicht so viel anfangen können. Die taggenaue Schilderung der Abläufe erlaubt ebenfalls eine ganz neue Wahrnehmung des Geschehens. 
    Frage: 
    Mich hat Eisners vehementes Eintreten für den Föderalismus und die Eigenstaatlichkeit Bayerns gewundert. Wäre es nicht aufgrund seiner Herkunft und dem Ideal der sozialistischen Internationalen zwingender gewesen, wenn er stärker für den national geprägten Zentralstaat eingetreten wäre?

    -flashlight
    Antwort Dr. Bernhard Grau: Eisner war Verfechter der bayerischen Eigenständigkeit, weil er der Regierung in Berlin misstraute. Wir können aber davon ausgehen, dass er auch aufgrund seiner Erfahrungen mit dem Parteiapparat der SPD zentralistischen Organisationsstrukturen misstraute. 
    Frage:
    Wie wird heute der Einfluss der Bauernräte um die Gandorfer-Brüder auf den Verlauf der Revolution bewertet? Wie war Eisners Verhältnis zu den Bauernräten? Schließlich ging es in den Notzeiten um die Versorgungssicherheit in München?

    -Dietmar
    Antwort Dr. Bernhard Grau: Für Eisner war die Verbindung zu den Gandorfer-Brüdern sehr wichtig, um der Landbevölkerung zu signalisieren, dass auch die Bauern bei der Revolution mitzureden hatten. Ludwig und Karl Gandorfer haben sich tatsächlich für die Versorgung der Stadt München eingesetzt.
    Frage: 
    Hypothetische Frage: Hätte ein Überleben von Gandorfer einen deutlich anderen Verlauf der Geschichte zur Folge gehabt?

    -Markus Böswirth
    Antwort Dr. Bernhard Grau: Schwer zu beantworten. Ludwig Gandorfers Bruder Karl hat die Rolle des Bruders sofort übernommen. 
    Frage: kann man feststellen, ob und welche politischen Spuren Eisner hinterlassen hinterlassen hat (außer dem Frauenwahlrecht)? gibt es deutliche Unterschiede zwischen den Situationen in Berlin und Bayern? Manches (Antisemitismus etc.) scheint vergleichbar. Anderes ggf nicht: Rolle der kath Kirche. 
    Antwort Dr. Bernhard Grau: Ergebnisse seiner Regierungszeit sind die Einführung der parlamentarischen Demokratie, allgemeines und gleiches Wahlrecht, Trennung von Staat und Kirche (Beseitigung der geistlichen Schulaufsicht), soziale Errungenschaften wie der Acht-Stunden-Tag oder das Koalitionsrecht der Arbeiter und Grundrechte wie Presse- und Meinungsfreiheit. In Berlin war der Ablauf der revolutionären Ereignisse doch ein anderer. Die Stabilisierung der Demokratie erfolgte dort noch vor Ausrufung der Räterepublik in München. Katholische Kirche spielte in Bayern eine sehr große Rolle, Berlin war eher protestantisch geprägt. 
    Frage: Ein politisch eher rechts stehender Bekannter meinte vor kurzem, Eisner sei ein "Dieb" der Auer um das Ministerpräsidentenamt "gestohlen" habe. Er habe sich mit seiner "linksradikalen Splitterpartei" quasi gegen den Mehrheitswillen gestellt, was zu einer unnötigen Polarisierung der Bevölkerung geführt habe, womit er letztendlich selbst für das Scheitern der Revolution verantwortlich sei. Ist das eine valide historische Perspektive oder gehört das eher in den Bereich rechter Verschwörungstheorien?
    Antwort Dr. Bernhard Grau: Das ist eher eine Verschwörungstheorie. Eisner hat am 8. November 1918 eine Koalitionsregierung mit der MSPD gebildet, in der die MSPD die Mehrheit der Minister stellte. Auer hatte das wichtige Innenministerium inne. Diese Regierung hatte bis zu seiner Ermordung Bestand und arbeitete konstruktiv zusammen.
    Frage: 
    Welchen Einfluss hatte das Wirken Eisners und v.a. sein schrecklicher Tod auf die gesamte Republik und Berlin?

    -Lutz
     Antwort Dr. Bernhard Grau: Die Ermordung Eisners und die Schüsse im Landtag hatten zur Folge, dass es keine Bayerische Regierung mehr gab und der Landtag sich zerstreute. So kamen die Räte wieder an die Schalthebel der Macht. In letzer Konsquenz führte dies zur Ausrufung der Münchner Räterepublik. Ob es dazu ohne den Eisner-Mord gekommen wäre, darf zumindest bezweifelt werden. Mit der Räterepublik und ihrer Niederschlagung begann die Entwicklung Bayerns zur rechten Ordnungszelle, die auch den Aufstieg des Nationalsozialismus erleichterte.
    Frage: 
    Gab es damals Überlegungen die junge, gefährdete Demokratie durch einen vermeintlich stabilisierenden Faktor wie der konstitutionellen Monarchie (Vorbild GB) zu stärken? Falls ja, hat sich Eisner dafür offen gezeigt?

    -flashlight
    Antwort Dr. Bernhard Grau: Solche Überlegungen kamen erst am Ende der Weimarer Republik auf. Zu Zeiten Eisners war das kein Thema.
    Frage: Unter welchen Umständen ist kurz Eisner aufgewachsen?
    Antwort Dr. Bernhard Grau: Eisner stammte aus einer Berliner bürgerlichen Familie und absolvierte den klassischen Ausbildungsgang (Vorschule, Gymnasium, Universität). Die Rolle als Sozialdemokrat und Revolutionär war ihm sicher nicht in die Wiege gelegt.
    Frage: Hitler und Eisner waren Zeitgenossen, kannten sie sich?
    Antwort Dr. Bernhard Grau: Eisner und Hitler kannten sich persönlich nicht. Hitler hielt sich allerdings zurzeit der Revolution in München auf und hat die Ereignisse zweifellos aus nächster Nähe und mit großer Anteilnahme miterlebt. Dies dürfte auf die Entwicklung seiner politischen Vorstellungen nicht ohne Auswirkung geblieben sein. Darüber diskutiert die Forschung allerdings noch.
    Frage: Gibt es Hinweise, Erkenntnisse und/oder Einschätzungen aus Eisners Biographie, warum er diese Aufgabe auf sich genommen hat? Warum sind die Münchner den Weg eines Arbeiter-, Soldaten- und Bauernrats gegangen
    Antwort Dr. Bernhard Grau: Eisner hat schon seit 1915 für eine Beendigung des Krieges gekämpft und war ein Verfechter der demokratischen Republik. Im November 1918 sah er die Chance diese Ziele zu erreichen. Die Räte sind in der Revolutionsnacht gebildet worden, Vorbild waren sicherlich die Sowjets in Moskau. Die Räte sollten den Herrschaftswandel absichern bis eine demokratisch gewählte Regierung bestellt sein würde. 
    Frage: Wie war das Verhältnis Eisner/Mühsam?
    Antwort Dr. Bernhard Grau: Eisner und Mühsam kannten sich gut, lagen politisch aber nicht auf einer Linie. Schon bei den Diskussionsabenden, die Eisner im Ersten Weltkrieg abhielt, prallten die abweichenden Meinungen aufeinander.
    Frage: 
    Was ich mich in den letzten Monaten am meisten gefragt habe: wie politisch interessiert/engagiert war das Volk in dieser Zeit? War nach dem Krieg eher eine Politikmüdigkeit beim Bürger oder waren die Bayern politisierter als z.B. heute?

    -Andreas
    Antwort Dr. Bernhard Grau: Das Kriegsende war eine politisch turbulente Zeit, in der die meisten Zeitgenossen politisch stark sensibilisiert waren. Das sieht man z.B. an den Landtagswahlen, an denen über 86% der bayerischen Wahlberechtigten teilnahmen. Auch Frauen gingen zu 85% zur Wahl!!
    Frage: 
    In meiner Schulzeit (Abitur 1967 n München) war diese Zeit wie auch die NS-Zeit nur am Rande bearbeitet worden. Wir mussten ja zum Teil noch Lehrer aus dieser Zeit ertragen. Dass es aber heute noch immer nicht zu einer neutralen Einordnung kommt stimmt mich traueig. Habt Ihr in der Laufzeit dieses Projektes Reaktionen aus der bayerischen Politikerszene erhalten? Gibt es Reaktionen aus den schulisch relevanten Bereichen? So könnte ich mir einen lebendigen Geschichts- und Sozialkundeunterricht gut vorstellen. Wird das schon heute so von Euch wahrgenommen?

    -Herbert Ninding
    Antwort Autoren-Team: Vielen Dank für Ihre Nachricht. Sehr viele Schüler*innen haben uns interessierte Nachfragen geschickt. Viele Lehrer*innen haben das Projekt im Unterricht eingesetzt, wir stellen "Ich, Eisner!" auch regelmäßig als Referenzprojekt vor, beispielsweise auch im März im Rahmen der Bildungskonferenz "Humboldt reloaded?". Wir wissen, dass das Projekt auch in der bayerischen Politik wahrgenommen wurde, allerdings haben uns direkt von Politiker*innen keine Rückmeldungen erreicht. Der Tenor aus Bildungskreisen lautet, dass "Ich, Eisner!" die ideale Form moderner Geschichtsvermittlung sei. Was uns natürlich sehr freut. Viele Grüße, Ihr Team "Ich, Eisner!"
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