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Ich, Eisner! - Ask me anything

Das Projekt "Ich, Eisner!" ist zu Ende - vier Monate haben wir die Geschichte von Kurt Eisner in Echtzeit erzählt. Hier hatten die Nutzer die Gelegenheit, dem Autoren-Team von "Ich, Eisner!" und dem Kurt-Eisner-Biograf Dr. Bernhard Grau Fragen stellen.

    Frage: Hallo! Ich habe mal gelesen, dass die Witwe von Kurt Eisner nach dem Attentat eine Geldzahlung von Arco erhalten hat. Ist dies ein Gerücht oder gab es diese Zahlung tatsächlich? Was war der Hintergrund? 
    Antwort Dr. Bernhard Grau: ​Davon ist nichts bekannt. Die bayerische Staatsregierung hat den Nachkommen allerdings Versorgungsleistungen zugebilligt.
    Frage: Waren die Säle bei denen Versammlungen der Revolutionäre stattfanden, also z.B. das Mathäserbräu, gemietet? Oder haben sie sich die Räume einfach genommen? Könnt ihr mir zudem vielleicht auch sagen, wo Ernst Toller gewohnt hat?
    Antwort Dr. Bernhard Grau:​ Am Tag der Revolution wurde sicher nicht danach gefragt, ob man dort tagen durfte. Politische Veranstaltungen in den großen Brauereien waren auch keineswegs ungewöhnlich. Da davon auszugehen ist, dass auch die Revolutionäre Getränke und Essen konsumierten, waren es den Wirten möglicherweise auch nicht unrecht, wenn solche Veranstaltungen stattfanden. Tollers Wohnort lässt sich aus dem Stand nicht beantworten. 
    Frage: Wieso wurde die Straße, in der Eisner erschossen wurde später ausgerechnet nach Kardinal-Faulhaber benannt, einem ausgesprochenen Gegner von Eisner?
    Antwort Dr. Bernhard Grau:​ Zu Lebzeiten Eisners hieß die Straße Promenadestraße. In der Kardinal-Faulhaber-Straße liegt das Palais, in dem der Münchner Erzbischof heute seinen Sitz hat. Das könnte der Grund sein, dass man die Straße nach dem bekanntesten Münchner Erzbischof benannt hat.
    Frage: was ist passiert mit den Kurt Eisner nahestehenden Mitstreitern?
    Antwort Dr. Bernhard Grau: ​Felix Fechenbach wurde nach dem Ende der Revolution angeklagt und inhaftiert. Er wurde nach Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 von diesen ermordet. Ernst Toller, der schon bei Niederschlagung der Räterepublik verhaftet wurde, beging nach seiner Emigration in New York 1939 Selbstmord. Gustav Landauer wurde bei Niederschlagung der Räterepublik verhaftet und von Freikorps-Mitgliedern ohne Prozess erschlagen.
    Frage: Wie ist Eisners Überzeugung in der Frage der Kriegsschuld (Deutschland) aus heutiger Kenntnis zu bewerten? War seine Einstellung hierzu nicht auch der Grund für die Ablehnung, die er erfuhr?
    Antwort Dr. Bernhard Grau: ​Dass die Regierung in Berlin in der Julikrise von 1914 einen Krieg zumindest billigend in Kauf nahm, ist heute unbestritten. Diskutiert wird nach wie vor, wie weit auch die Regierung in den anderen am Krieg beteiligten Ländern sich ähnlich verhielten.
    Frage: Wie kommunistisch war Kurt Eisner? Und sah er Probleme den Kommunismus und die Demokratie zu verbinden?
    Antwort Dr. Bernhard Grau: ​Eisner war kein Kommunist, hat immer sozialdemokratische Auffassungen vertreten. Einer Diktatur der Arbeiterklasse stand er ablehnend gegenüber.
    Frage: Welche Pläne hätte Eisner für die Zeit nach seinem Rücktritt gehabt, wenn er nicht ermordet worden wäre?
    ​Antwort Dr. Bernhard Grau: Kurt Eisner hatte schon einige Wochen lang gegenüber Vertrauten den Wunsch geäußert, sich wieder seinen Büchern und dem Schreiben zu widmen. Er wollte sich zurückziehen bzw. als Landtagsabgeordneter eine weniger präsente Rolle einnehmen.
    Frage: ​ Warum hast Du keinen Personenschutz. Deun Mord war mit Ansage.
    Antwort Dr. Bernhard Grau: ​Eisner hatte durchaus Wachen, die ihn an diesem Tag begleitet haben. Sie liefen jedoch vor, statt hinter ihm.
    Frage: 
    Wie viele Personen waren in das Projekt involviert und wie lange hat die Umsetzung gedauert?

    -Steffi
    Antwort Autoren-Team: "Ich, Eisner!" ist ein Projekt von Bayern 2 zusammen mit dem BR-Referat "Digitale Entwicklungen". Wir  haben vor einem Jahr mit Recherche und Bücherwälzen begonnen, letzten Sommer die Kooperationspartner (Bayerische Staatsbibliothek, Haus der Bayerischen Geschichte und Co.) ins Boot geholt. Das Material haben wir selbst recherchiert. Wir waren 3 AutorInnen, zwei davon fast Vollzeit nur an diesem Projekt mit Schreiben, Bildrecherche und Community Management, der dritte vor allem mit den Sprachaufnahmen beschäftigt. Ein Kollege für die Bildbearbeitung, ein Video Editor, eine Kollegin für Webseite, ein Redakteur für die Abnahme. 
    Frage: 
    Ich hätte zwei Fragen:Gibt es Tondokumente von Kurt Eisner? Hatte er einen Berliner Akzent?Welche konkreten Rechte hatten die Räte zur Zeit von Eisners Regierung?

    -Dagmar Carra
    Antwort Autoren-Team: Nein, es gibt keine Tondokumente oder Filmaufnahmen. Es gibt zwar Videomaterial vom Tag der Revolution in München, aber keine, auf denen Eisner zu sehen ist. Augenzeugenberichte und verschiedene Schriftsteller haben über Eisners Stimme geschrieben, dass sie kratzig, brüchig wäre. Er hat sich wohl bemüht, einen süddeutschen Einschlag zu imitieren. Kurt Eisner hat sich die Rolle der Räte als "Schulen der Demokratie" vorgestellt, nicht als Parlamentsersatz. Heute würde man von basisdemokratischen Gremien sprechen.​
    Frage: War der Mörder Eisners gesellschaftspolitisch nicht ein Vorbote Hitlers?
    Antwort Dr. Bernhard Grau: ​Der Eisner-Mord war ohne Zweifel ein Ereignis, das für die Entwicklung Bayerns zur Ordnungszelle eine wichtige Rolle spielte. Diese erleichterte den Nationalsozialisten ihren Aufstieg. Einen allzu engen Zusammenhang zwischen Arco und Hitler wird man mit Vorsicht gegenüber stehen müssen.
    Frage: Was wurde aus dem MSPD Mitglieder Auer? 
    Antwort Dr. Bernhard Grau: ​Erhard Auer wurde am Tag des Eisner-Mordes im Landtag niedergeschossen und ins Krankenhaus eingeliefert. Nach vollständiger Wiederherstellung der Gesundheit kehrte er in die Politik zurück und agierte bis 1933 als Parteivorsitzender der SPD. Die Machtergreifung der Nationalsozialisten beendete seine politische Karriere. 
    Frage: Gibt es Erkenntnisse darüber, wie die internationale Presse damals auf die Ermordung Eisner's reagiert hat und inwieweit diese Reaktion das Bild und die Politik Eisner's in der (Deutschen/Bayerischen) Bevölkerung vom vermeintlich Negativen ins Positive geändert hat?
    Antwort Dr. Bernhard Grau: ​Die internationale Presse wurde noch nicht systematisch ausgewertet. Bekannt ist aber, dass vor allem Schweizer Zeitungen im Anschluss an seinen Auftritt vor dem Internationalen Sozialistenkongress in Bern Anfang Februar 1919 ein sehr positives Bild von Eisner zeichneten.
    Frage: Meine Frage lautet: Wie sah Kurt Eisner die Oktoberrevolution in Russland?
    Antwort Dr. Bernhard Grau: ​Die Oktoberrevolution wurde von Eisner als ausgesprochen gewaltsames Ereignis wahrgenommen. Da er selbst Gewalt ablehnte, stellte sie für ihn kein Vorbild dar.
    Frage: Der Autor Sebastian Haffner schreibt in seinem Buch über die Deutsche Revolution 1918/19, dass die deutsche Revolution hauptsächlich eine sozialdemokratische Revolution (im Gegensatz zu einer sozialistischen oder bolschewistischen Revolution) war und überwiegend führerlos von Statten ging, also spontan von den Massen ausgeführt wurde, ohne revolutionäre Führung. Mit Ausnahme von Bayern. Sie, Kurt Eisner, werden von Haffner als der einzige revolutionäre Führer der deutschen Revolution bezeichnet, der tatsächlich im Geschehen involviert war.
    Antwort Dr. Bernhard Grau: ​Eisner spielte für die Revolution in München zweifellos eine so zentrale Rolle, dass diese ohne ihn kaum zu erklären ist, insbesondere da die MSPD dem Sturz der Monarchie ablehnend gegenüberstand.
    Frage: Wieso konnte Auer und Rosshaupter ohne Hindernis der Polizei eine Spezialwehr aufbauen ? Gibt es Untersuchungen,wonach die Mittelsmänner für den Aufbau der "weissen Armee" spätere Nazi-Größen waren?
    ​Antwort Autoren-Team: Auer und Roßhaupter waren als Innenminister und Militärminister für Ordnung und Sicherheit zuständig. Zu der geplanten Volkswehr kam es aber nicht. "Weiße Truppen" und Freikorps wurden auf Geheiß der Reichsregierung in Berlin meist außerhalb Bayerns aufgestellt. Dabei spielte auch Franz Xaver von Epp eine wichtige Rolle, der später der NSDAP beitrat. Viele NS-Größen waren auch Mitglieder der Freikorps gewesen.
    ​Frage: Spielte sich die Revolution in Bayern nur in München ab oder sind auch weitere Städte von den Ereignissen betroffen gewesen?
    Antwort Dr. Bernhard Grau: ​Die Revolution in Bayern begann logischerweise in München am Ort der Staatsregierung. Im Anschluss wurden aber in ganz Bayern Räte gebildet, auch auf dem Land. Die Räterepublik im April 1919 erfasste auch weitere Städte und Ballungszentren wie beispielsweise Augsburg und Würzburg. 
    Frage: Wie beliebt war Eisner in seiner eigenen Partei, der USPD? Kannte er seinen Mörder und weiß man, ob Eisner ihn, bevor er ihn ermordet hat, noch gesehen hat oder mit ihm geredet hat (ein paar Sekunden davor)?
    Antwort Dr. Bernhard Grau: Die USPD war nach Kriegsende eine kleine Splitterpartei, die die politische Linie Eisners konsequent unterstützte. Dass Eisner seinen Mörder gekannt hat, davon ist nicht auszugehen. Er wurde von hinten erschossen und sah den Täter nicht kommen.
    Frage: Wie wurde Kurt Eisner in seiner Zeit -also vor und nach der Revolution- als Schriftsteller wahrgenommen? Gibt es Publikationen zu seinem literarischen Werk?
    Antwort Dr. Bernhard Grau: Kurt Eisner hat auch für das Feuilleton der Arbeiterpresse gearbeitet und einige selbstständige Werke veröffentlicht. Zum Teil wurden literarische Arbeiten auch nach seinem Tod publiziert. Er selbst sah sich weniger als Schriftsteller denn als politischer Journalist und als Politiker.
    Frage: Mich würde noch etwas mehr über Eisners soziales Umfeld interessieren: wie trug seine Familie seine politische Tätigkeit mit? Welche Rolle spielten seine zwei (?) Frauen und sieben Kinder? Was ist aus ihnen geworden?
    Antwort Autoren-Team: Kurt Eisner hatte sieben Kinder - fünf mit seiner ersten Frau Elisabeth, genannt Lisbeth, zwei Töchter mit seiner zweiten Frau Else. Ilse, seine älteste Tochter aus erster Ehe und Hans Kurt, sein jüngstes Kind aus erster Ehe, lebten bei ihm und seiner zweiten Frau Else in München. Die anderen drei  (Reinhard, der älteste, Hilde und Eva) bei seiner ersten Frau. Während der NS-Zeit waren die Kinder Eisners doppelt verfolgt - der Vater, ein Sozialisit und Jude. Seine älteste Tochter Ilse hat Hans Unterleitner, Kurt Eisners USPD-Genosse und der Minister für soziale Fürsorge in seiner Regierung, geheiratet. Bis auf Sohn Hans (starb im KZ) haben alle Kinder die Verfolgung überlebt, zT in Berlin, England und USA. Kurt Eisner hat sehr, sehr viele Enkel und Urenkel, die u.a. in Nürnberg, Berlin, England und den USA leben. Durch "Ich, Eisner!" hat sich Kurt Eisners Urenkelin Sonja Ripa bei uns, dem Autoren-Team gemeldet. Wir haben sie und ihre Mutter und Eisners Enkelin Gerda Grassmann in Nürnberg getroffen. Sie haben uns erzählt, wie es der Familie nach dem Tod Kurt Eisners und während der NS-Zeit ergangen ist. Hier der Radiobeitrag: https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/notizbuch/enkelin-und-urenkelin-kurt-eisners-erinnern-sich-100.html 
    Frage: Wie kann das Extreme so sein? Der Applaus und die Zustimmung, wenn Eisner redet und der Hass, der so hautnah ist. Ist das allein die Schuld der Presse? Warum gibt es kein Denkmal von Kurt Eisner? Oder anders gefragt, warum hat man ihn so vergessen? Anfangs habe ihn die Arbeiter gelobt, 2 Monate später nur noch die Intellektuellen. Auch die Presse? und warum ist die ganze Presse gegen ihn? Warum gibt es keine Pro-Eisner Presse? Das ist doch ungewöhnlich.
    Antwort Dr. Bernhard Grau: Eisners sozialdemokratische Auffassungen waren nicht allgemein anerkannt. Die Kirchenpolitik seiner Regierung war für die katholische Bevölkerung eine Provokation. Das Kriegsschuleingeständnis hat vor allem bei Rechtskonservativen massive Angriffe ausgelöst. In München gibt es vier Eisner-Denkmäler und eine nach ihm benannte Straße. Pro-Eisner war die Zeitung der Unabhängigen Sozialdemokratie "Neue Zeitung".
    Frage: War Eisner trotz der immer gefährlicher werdenden Lage immer noch so von seiner Sache überzeugt? Nahm er die Mordpläne für seine eigene Person so wenig ernst?
    Antwort Dr. Bernhard Grau: Eisner war sich bewusst, dass er gefährdete Persönlichkeit war. Aus Erinnerungen seines unmittelbaren Umfelds ist zu erschließen, dass er der Annahme war, einem ernsthaften Anschlag ohnehin nicht entgehen zu können. Es gab Überlegungen am 21. Februar 1919 einen anderen Weg zum Landtag zu wählen, dies hatte er offensichtlich abgelehnt. 
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